TO
Vorgeschichte
eines
Kriegers
TO
trat
in
einen
offenstehenden
Mund.
Ich
sah,
daß
er
sich
dabei
verletzte,
sich
leicht
an
den
Schneidezähnen
die
weiße,
weiche
Haut
seiner
Fußsohlen
schnitt,
während
ich
dem
dumpfen
Knirschen
apathisch
lauschte
und
schließlich
auch
dem
leisen,
wie
für
die
Unhörbarkeit
bestimmten
Knackgeräusch,
als
der
Kiefer
zerbrach.
Aber
TO
bemerkte
das
nicht,
es
drang
einfach
nicht
zu
ihm
durch,
so
sehr
ich
mich
auch
bemühte.
TO
schritt
weiter,
trat
auf
die
nächste,
steife,
leicht
angefaulte
Leiche,
hindurch
durch
den
die
Kehle
einschnürenden
moorigen
Atem
des
Todes,
hinweg
über
Männer
und
Frauen
und
Kinder.
Er
stapfte
mit
leerem
Blick
und
stumpfen
Bewegungen,
so
traurig
und
verloren
und
verbittert
und
aufgegeben,
daß
ich
es
kaum
aushalten,
sein
Schicksal
fast
nicht
mehr
ertragen
konnte.
Doch
TO
lief
weiter,
stetig
wie
schon
seit
Tagen.
Nichts
gegessen,
nichts
getrunken,
nicht
geschlafen,
nicht
geruht.
Pausenlos
und
ohne
Unterlaß
trottete
er
durch
die
Straßen,
trat
auf
tote
Körper,
manche
alt,
manche
jung;
er
trat
auf
sie,
wo
sie
ihm
gerade
im
Weg
lagen,
trat
ihnen
auf
Hände
und
in
Gesichter
als
wären
sie
nur
unebener
Untergrund.
Und
manchmal
waren
sie
das
auch.
Denn
sie
lagen
zu
Dutzenden
und
Hunderten
auf
den
Straßen
und
in
den
Häusern,
ein
grausames
Bild,
jedes
einzelne
gequälte
und
verstummte
Schreien,
jeder
einzelne
gebrochene
Blick
wären
viele
Geschichten
wert.
Doch
ER
hat
Hof
gehalten
und
nun
ist
alles
vorbei.
*
"Zum
fröhlichen
Eber"
stand
auf
dem
Schild,
das
sich
leicht
schwankend
im
Wind
bewegte
und
mit
seinem
rostigen
Scharnier
Gelächter
voller
Hohn
und
Spott
gegen
die
Mauern
zu
schreien
schien.
Und
ich
erinnerte
mich...,
erinnerte
mich
an
damals
vor
wenigen
Tagen...
"Noch
drei!
Aber
flott!"
hatte
ich
der
rotwangigen,
feisten
Bedienung
laut
zugerufen,
denn
ansonsten
hätte
sie
mich
im
Trubel
des
Vorabends
zum
großen,
alljährlichen
Brunnenfest
in
der
übervollen
Taverne
bestimmt
übersehen.
Dabei
wollte
ich
doch
unbedingt
meinen
Vorschuß
auf
die
Stelle
als
Schreiber
und
Übersetzer
im
Stadtarchiv
an
einem
einzigen
Abend
versaufen.
Denn
jetzt
würde
ein
neues
Leben
für
mich
beginnen,
vorbei
waren
die
Jahre
des
gehorsamen
Büffelns
unter
strengen
Priesterblicken,
der
pingeligen
Buchmalerei-Ausbildung
und
der
aufgezwungenen
Enthaltsamkeit.
Und
während
ich
meinen
beiden
besten
Freunden
zusah,
wie
sie
mir
gegenüber
spaßeshalber
miteinander
stritten,
wer
nun
welchen
Becher
Wein
verwechselt
und
leergetrunken
hatte,
überkam
mich
plötzlich
das
überaus
starke
und
mächtige
Gefühl
einer
üblen
Vorahnung,
fast
so
als
vertieften
sich
einen
Lidschlag
lang
alle
Schatten
im
Raum
um
einige
Nuancen
und
als
zöge
ein
eisiger
gazefeiner
Hauch
durch
den
vollen
Schankraum.
Doch
ich
wischte
mit
einer
aufgrund
meines
angetrunkenen
Zustandes
übertriebenen
Geste
und
einem
kräftigen
Stirnrunzeln
alles
beiseite.
Heute
wollte
ich
feiern.
-Auf
Teufel
komm´raus!
"Noch
drei!
Hierher,
ja!"
Semnons
Stimme
rief:
"Tormin,
wach´
auf!
Mensch,
heute
abend
wird
groß
gefeiert,
weißt
du
denn
nicht
mehr,
das
Brunnenfest,
und
wir
können
dich
nicht
hier
herausbringen,
wenn
du
nicht
selbständig
laufen
kannst
und..."
Endlich
wurde
er
unterbrochen.
Semnon
war
einer
meiner
beiden
besten
Freunde,
aber
ein
Laberer
ohne
Ende
und
ohne
Ziel,
besonders,
wenn
er
aufgeregt
war.
Eine
fremde,
tiefe
Stimme
hatte
sich
eingemischt:
"Also
das
war´s!
Entweder
er
kann
auf
seinen
eigenen
Füßen
stehen,
oder
er
bleibt
hier.
Bis
er
seinen
Vollrausch
ausgeschlafen
hat.
So
lautet
das
Gesetz."
Hätten
sie
mich
eigentlich
aus
dem
Gefängnis
befreien
können?
Ich
glaube
nicht.
Aber
es
spielte
auch
gar
keine
Rolle
mehr,
nun
da
sie
beide
wohl
tot
waren.
-
Oder
geflohen,
ja
klammheimlich
verdrückt
hatten
sie
sich,
denn
TO
hätte
sie
ja
wohl
sonst
irgendwo
in
der
Stadt
gesehen.
Aber
auch
das
war
mir
gleich,
TO
lief
durch
die
Straßen
und
ich
mit
ihm.
In
einer
seiner
aufgerissenen,
zerschundenen
Hände
baumelt
das
Schwert
mit
der
Klinge
aus
frischem
Rot.
*
Das
Feiern
weckte
mich.
Zwischen
den
Häusern
sangen
die
frühzeitig
Angetrunkenen,
weinten
die
müden
Kinder
und
fluchten
die
Alten
hoch
oben
von
ihren
Fenstern
herab.
Doch
noch
war
ich
nicht
ganz
wachgeworden,
streckte
mich
gerade
behutsam,
um
meinem
Körper
in
der
engen
kleinen
Zelle
etwas
in
Schwung
zu
bringen.
Und
dann
begann
es,
ich
konnte
es
nicht
sehen,
nur
hören
durch
das
kleine
vergitterte
Fenster
unter
der
Decke.
Das
Schreien.
Einmal,
zweimal,
dann
aus
vielen
Kehlen,
Männerstimmen,
Frauenstimmen,
Kinderstimmen.
Alles
andere
verstummte
sofort.
Es
schien
die
Stadt
als
Ganzes
erschrocken
zu
sein
und
den
Atem
anzuhalten.
Dann
kam
Bewegung
und
Unruhe
unter
den
Menschen
auf,
denn
das
Schreien
setzte
wieder
ein,
ein
schrilles
und
gleichzeitig
würgendes
Schreien,
das
Schreien
des
Todes
erklang
nah
und
fern
plötzlich
überall,
schließlich
auch
direkt
in
der
Nähe.
Und
dann
kam
Panik
auf.
Was
als
harmlos
sich
anhörendes
Füßescharren
begann,
verwandelte
sich
abrupt
in
ein
Lärmen
und
Toben.
Und
zwischendurch
immer
häufiger
das
Schreien.
Ich
stand
völlig
außer
mir
in
der
Zelle
und
ließ
mich
von
der
Panik
draußen
anstecken,
vermeinte
fliehen
zu
können
vor
dem
Tode
und
schrie:
"Laßt
mich
raus!
Hört
mich
denn
niemand?
-
Laßt
mich
raus!"
Schließlich
hob
das
Schreien
und
Toben
und
Rennen
an
zu
einem
pulsierenden
Geräuschinferno,
das
mich
wahnsinnig
machte
in
meiner
Hilflosigkeit.
Und
dann
war
plötzlich
TO
da.
TO
riß
das
Holzbett
aus
seiner
nur
oberflächlichen
Verankerung
in
der
Wand,
stellte
es
senkrecht
unter
das
Fenster
und
stieg
darauf
hoch.
Doch
es
reichte
nicht,
um
hinauszusehen,
auch
nicht
auf
Zehenspitzen,
und
Springen
war
nicht
möglich.
Also
begann
TO
mit
bloßen
Händen,
dort
wo
er
gerade
noch
hinkam,
am
unteren
Rand
des
Gitters,
den
alten
Mörtel
herauszukratzen.
Einen
Gitterstab
nach
dem
anderen
lockerte
er
so,
unermüdlich,
stundenlang,
von
blindem
Eifer
besessen,
während
draußen
das
Inferno
manchmal
wieder
anschwoll,
jedoch
insgesamt
bereits
wieder
leiser
zu
werden
begann.
Und
schließlich
gelang
es
TO,
uns
mit
einem
gewagten
Klettermanöver
ins
Fenster
hochzuziehen,
und
zwischen
den
lockeren
Stäben
hindurch
ins
Freie
zu
springen.
Doch
da
erschlug
uns
mit
einem
Mal
die
Stille.
Die
Stille
einer
toten
Stadt.
Einer
Totenstadt.
Überall
lagen
Tote,
kreuz
und
quer
und
alle
mit
schreckgeweiteten
Gesichtern
und
verkrampften
Armen
und
Beinen.
Männer,
Frauen,
Kinder.
Und
wieder
über
Leichen
in
ein
Haus
hinein
und
wieder
eine
kreischende
Treppe
hinauf,
dem
Schreien
nach,
immer
wieder
anderen
Schreien
um
endlich
das
große
Schreien
zu
finden
und
es
zum
Verstummen
zu
bringen.
Und
wieder
das
Schwert
heben
und
zuschlagen
auf
wehrloses,
reines
Kinderfleisch
und
wieder
das
frische
Rot
auf
der
Klinge
und
dann
Stille.
Bis
wir
wieder
auf
der
Straße
waren
und
TO
immer
weiter
lief
und
durch
die
stinkenden
toten
Leiber
sich
einen
Weg
suchte,
immer
weiter,
stetig
voran,
um
die
lange
Qual
der
schreienden
und
würgenden
Überlebenden
zu
beenden
-
um
gnädig
zu
bringen
des
Todes
Dunkelheit
und
Ewigkeit
den
kleinen
Kindern
mit
ihrer
reinen,
weichen
Haut
und
ihren
winzigen
Händen,
die
zu
greifen
und
zu
klammern
versuchen,
als
wüßten
sie,
daß
das
Leben
in
ihnen
zerrinnt
wie
der
Sand
aus
einer
zerschlagenen
Uhr...
Doch
wer
ist
gnädig
zu
TO?
Keiner
wird
wohl
je
den
Namen
kennen
für
die
pestartige
Seuche,
die
die
wohlhabende
Stadt
Armitron
innerhalb
eines
einzigen
Tages
auslöschte.
Nur
einer
hatte
entkommen
können,
nur
einer
scheint
sich
vor
der
schwingenden
Sense
geduckt
gekonnt
zu
haben:
TO.
TO
und
ich
selbst,
Tormin,
der
war,
bevor
TO
kam,
denn
TO
ist
ein
todesverachtender
Krieger,
einer
der
schon
alles
durchgemacht
hat
und
der
nichts
und
niemanden
an
sich
ranläßt
-
und
ich
war
ja
nur
ein
halber
Schreiber.
Jetzt
gibt
es
bald
nur
noch
TO,
denn
ich
habe
bereits
aufgegeben,
mich
noch
gegen
ihn
zu
wehren.
Er
ist
zu
stark
in
seiner
Konsequenz
und
inneren
Härte.
Er
ist...,
ich
bin...
TO!
*
Das
alles
ist
nun
schon
zwei
Jahre
her,
aber
die
allnächtlichen
Alpträume
und
auch
tagsüber
die
kurzen
Momente,
in
denen
TO
weit
entfernt
das
Schreien
wieder
zu
vernehmen
glaubt,
zerren
weiter
an
seinem
Verstand.
TO
spricht
über
sich
selbst
nur
als
"TO",
nicht
als
"ich"
und
verdingt
sich
seitdem
mit
dem,
was
er
am
besten
kann
und
zu
dem
er
anscheinend
auserkoren
ist,
dem
Töten.
Und
das
gegen
Bezahlung,
denn
diese
Welt,
in
der
solche
Dinge
geschehen,
hat
es
nicht
besser
verdient.
So
ist
TO
Söldner
geworden.
Mord
gegen
Geld
und
das
Schreien
in
seinem
Kopf
verstummt
wieder
für
kurze
Zeit...
TO
ist
kein
Kämpfer,
sondern
ein
Krieger.
Bei
jedem
Kampf
geht
es
um
Leben
und
Tod.
Und
so
ist
sein
Kampfstil.
Hart
und
unbarmherzig,
jede
Chance,
jeden
Trick
nutzend.
Als
Söldner
verkauft
er
seine
Ware,
den
Tod,
teuer
und
zieht
ständig,
bevorzugt
ohne
große
Gesellschaft,
von
Krieg
zu
Krieg
und
von
Kampf
zu
Kampf,
nur
wenige
Aufträge
hat
er
bisher
abgelehnt
und
nur
selten
hatte
er
größere
Schwierigkeiten
mit
seinen
Gegnern.
Doch
einmal
war
es
fast
um
ihn
geschehen
gewesen,
als
ihn
in
einem
fernen
Steppenland
an
einer
Quelle
mit
kleinen
Teich
eine
Riesenkatze,
genannt
Leopard
ansprang,
als
er
sich
gerade
bücken
wollte.
Nur
durch
ein
Wunder
und
seine
schnellen,
trainierten
Reflexe
gelang
es
ihm,
doch
noch
auszuweichen.
Doch
die
Bestie
gab
keine
Ruhe
und
obwohl
sie
gut
genährt
aussah,
griff
sie
immer
wieder
an
wie
ausgehungert
und
mit
einer
selbst
für
eine
Riesenkatze
erschreckenden
Wildheit.
Keiner
der
in
der
Nähe
befindlichen
Mitsöldner
griff
ein,
denn
unter
bezahlten
Mördern
gibt
es
selten
wahre
Freundschaft,
und
so
zog
sich
der
Kampf
immer
weiter
in
die
Länge,
immer
wieder
sprang
die
Bestie
heran
und
biß
oder
schlug
mit
ihren
krallenbewehrten
Tatzen
machtvoll
zu.
Doch
fast
immer
konnte
TO
gerade
noch
in
letzter
Sekunde
ausweichen,
oder
mit
seiner
Schwertklinge
parieren.
Beide
verletzten
sich
immer
schwerer
und
bluteten
aus
vielen
Wunden,
umkreisten
sich
weiter,
schnellten
nach
vorne
oder
wichen
zurück.
Es
war
wie
ein
fremder
Tanz,
der
beide
immer
mehr
einander
verstehen
machte
und
beide
lernten
sich
auf
diese
Art
kennen,
wie
man
sich
nur
im
Todeskampf
kennenlernen
kann
und
beide
nahmen
auf
seltsame
Weise
ein
Teil
des
anderen
in
sich
auf.
Und
als
dies
geschah,
da
sah
TO
plötzlich
beim
weiteren
Umkreisen,
was
ihm
schon
gleich
so
merkwürdig
an
dem
Leoparden
erschienen
war:
Er
hatte
dunkelblaue
Menschenaugen!
Doch
in
diesem
Moment
griff
er
auch
schon
wieder
an,
sprang
fünf
Meter
weit
aus
dem
Stand
auf
TO
zu,
riß
den
Rachen
weit
auf
zu
einem
ohrenbetäubenden
Brüllen,
blickte
ihm
dabei
direkt
in
die
Augen,
bereit
zum
Todesbiß
-
und
starb!
Nicht
ganz
eine
Sekunde
vor
dem
Sprung
hatte
TO
einen
Schritt
nach
vorne
gemacht,
sein
Schwert
mit
beiden
Händen
fest
umklammert,
und
einen
gerade
Stoß
ausgeführt,
direkt
in
den
Rachen
des
Leoparden.
So,
als
hätte
er
den
Sprung
geahnt.
Und
vielleicht
hatte
er
das
auch,
denn
als
er
bedauernd
auf
das
schöne
Tier
herunterblickte,
hörte
man,
wie
er
sagte:
"Deine
Augen.
Sie
haben
dich
verraten"
-
Jedenfalls
erzählen
es
sich
die
Söldner,
die
dabeiwaren,
heute
noch
so...
Aber
es
gab
eine
weitere
seltsame
Begebenheit
um
dieses
Tier:
Als
TO
ihm
das
Fell
abziehen
wollte,
um
es
als
Trophäe
an
seiner
Rüstung
anzubringen,
fiel
ihm
etwas
feines,
glitzerndes
auf,
das
er
an
einer
dünnen
Kette
um
den
Hals
trug.
TO
nahm
es
an
sich
und
trägt
es
noch
heute,
eine
kleine
Kristallkugel
umschlossen
von
einer
Greifenklaue:
-
Den
Greifenkristall
!
Michael
Frohnhöfer
|