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Ritter ohne Schloß und SchwertFiktion
und
gelebte
Fantasie Die
Holzscheite
im
Feuer
nistern.
Nebelschwaden
ziehen
um
die
Burg.
Giebel
und
Mauervorsprünge
des
uralten
Gemäuers
ragen
hoch
in
den
Himmel.
Das
fahle
Mondlicht
taucht
die
Szenerie
in
ein
unwirkliches
Licht.
Meterhohe
So oder so ähnlich könnte sich die Zusammenkunft eines Clans in der schützenden Umgebung einer Burg in früheren Zeiten abgespielt haben. Daß dabei eine ixtur aus Fantasie und Fakten aus mittelalterlichen Begebenheiten entsteht, gehört zum Image der "edlen Recken" und "holden Damen" eines Vereins, der sich "DIE LEGENDE e.V." Seit Oktober 1994 ist die Vereinigung Schmelztiegel für Fantasy-Rollenspieler und Fans der mittelalterlichen Kultur. "DIE LEGENDE" zählt fast 50 Gefolgsleute zwischen 18 und 50 Jahren. Sagenumwobene Gestalten wie Elfen, Magier und Feen sowie Vertreter mittelalterlicher Stände - Ritter, Kleriker und Minnesänger - treffen sich einmal im Monat zur Vereinssitzung. Aktionen und Ausflüge zu historischen Märkten und Ritterturnieren stehen auf dem Programm. Eingeladene Referenten geben in öffentlichen Vorträgen einen Einblick in die Schwertschmiedekunst oder den Minnesang. Stände und Demonstrationen rund um "Lutra" gehören seit dem letzten Altstadtfest zum Repertoire des Vereins. Mit Met, Honigschnaps, Schmalzhappen und Stockbrot erleben Besucher die Vergangenheit. Auch Vorträge über Lebensart, Brauchtum und geschichtliche Hintergründe vergangener Zeiten kommen aus den eigenen Reihen. Authentizität ist den Mittelalter-Freaks wichtig, aber nicht heilig. Sie hängen nicht sklavisch an der Historie und tolerieren, wenn sich eine Figur mal zeitgemäß "daneben benimmt" oder die Jahrhunderte verwechselt. Es zählen Spontanität und Kreativität. Und über allem steht bei den Aktivitäten der LEGENDE der Spaß an der Sache, der Einfallsreichtum und das gemeinsame Erleben. Ganz besonders intensiv wird die gemeinschaft beim Fantasy-Rollenspiel empfunden: Also würde man eine Geschichte zusammen schreiben, begeistert sich der erste Vorsitzende, Michael Frohnhöfer. Bestrebungen, die Hohenecker Burg zur "Hausburg der LEGENDE" zu gewinnen, sind in vollem Gang. Gemeinsames Theaterspielen und Musizieren stehen ebenso an wie eine geplante Abteilung für die Jüngeren. Mit dem "Legendären Boten", einem Infobrief des Vereins und der "Legendären Chronik", der offiziellen Zeitschrift, gehen Nachrichten und Informationen an die Mitglieder. Fast jeder Mittelalter-Freak ist auch ein pasionierter Fantasy-Rollenspieler. Alles passiert dabei im Kopf, ganz ohne Brett, ohne Spielsteine und aufwendige Arrangements. Lediglich verschiedene Würfel und eine Lebensrolle oder das Charakterblatt, das vorher ausgewürfelte Eigenschaften der gewählten Figur bereit hält, verleiht der Fantasiegestalt das innere Gerüst. Die eigene Kreativität erst haucht dem Magier, der Fee, dem Elf oder Ritter Leben ein. So viel Freiheit im Geiste mutet sogar in der Freizeit unheimlich an. Einen Plan hat das Spiel trotzdem. Den hat der Spielleiter, der sogenannte "Meister" im Sack. Er führt die Charaktere an der langen Leine durch das magische Reich, bestimmte Orte, Situationen und greift auch mal ein, wenn´s allzu chaotisch wird. Selbstredend, daß Tolkiens "Herr der Ringe" oder Zimmer-Bradley´s "Die Nebel von Avalon" zur Pflicht- und Inspirationslektüre gehören. Nach einer Spielanleitung oder regeln sucht man vergebens. Es ist eigentlich wie im richtigen Leben: Man weiß nie wie´s kommt. Fünf bis acht Spieler an einem Tisch sorgen von selbst für allerhand Überraschung und Verwirrung. Auch unheimlich kann es einem zuweilen werden ob der Szenarien, denen im Fantasy-Rollenspiel mental Leben verliehen wird. Fantasieren ist dabei genauso wichtig wie improvisieren. Auch die Sprachebe verändert sich, man rede geschwollener, erzählt Patrick Haselbach, ein alter Hase im Rollenspiel. Die 22jährige Julia Ehmer findet neben der Steigerung der Kreativität auch eine psychologische Komponente. "Man wird selbstsicherer, am Anfang hat jeder Hemmungen, frei zu sprechen", meint die Studentin. Die Figur wachse einem ans Herz; man "lebe" sich selbst in bestimmten Charakteren. Oft zieht sich ein Spiel über Stunden hin. Patrick Haselbach, zur Zeit Spielleiter einer Runde, blieb vor zwölf Jahren am Fantasy-Rollenspiel hängen. "Nachmittags haben wir uns getroffen, morgens gegen sieben kam ich heim," schildert der Kaufmännische Angestellte dieses prägende Erlebnis. Ihn fasziniert außer die Vielfalt der Spielmöglichkeiten. "Außerdem ist es schön, sich ein Stück Kindheit ins Erwachsenendasein ´rübergerettet zu haben", so der Wahl-Ritter. Auch Karin, seine Frau und die beiden Söhne stehen zuweilen mit beiden Beinen in der Fabelwelt. Klein-Jonas fühlt sich in den Gefilden von Prinz Eisenherz wohler als im modernen Batman-Szenario des Gameboys. Ganz besonders am Herzen liegt den Recken und Damen das Live-Rollenspiel. Dann sind sie von Kopf bis Fuß in ihrem Element. Der 24jährige Christian Parsons verwandelt sich in einen kämpfenden Priester, Patrick Salisch liebt es als Ritter eher normannisch. Beide sind sich einig, daß die momentane Faszination der aus den USA kommenden Fantasy-Rollenspiele auf dem Lebensgefühl "zurück zu den Wurzeln" beruhe. Die leute haben genug von Hightech und Video, so der Kommentar. Der 26jährige Steven Ehrensberger ist im wahren Leben selbständiger Werbetechniker und hat sich mit seiner Kreuzritterfigur einen Kindheitstraum erfüllt. Die "mittelalterliche Gewandung" ist selbstgeschneidert. Gürtel, Taschen und jede Menge Accessoires - vom Handschuh übers Kettenhemd bis zu Kräuteressenzen aus dem Fläschchen des Magiers - lassen auf ein liebevolles Engagement und verspieltes Interesse schließen. Alle anwesenden Mittelalter-Fans wehren sich vehement gegen den Vorwurf, aus dieser Fantasiewelt nicht mehr aussteigen zu können. Auch den Hang zu "dunklen Spielen" und die Neigung zum "Satanismus" sei ihnen fremd, erklärt Michael Frohnhöfer. Ob Waldläufer, Ritter, Kleriker, Elfe, Zwerg oder Magier, alle machen den Eindruck von aufstrebenden jungen Leuten, die mit beiden Beinen voll im gegenwärtigen Leben stehen. Ihre Vorliebe für´s Mittelalter kann kaum als Flucht aus der Realität gewertet werden. Schließlich bedeutet Spielen nichts anderes als ein kurzweiliges Vergesen des Alltags zum Auftanken und Entspannen. Statt passiv vor dem Computer zu sitzen kann ein Rollenspiel wieder Lust auf eigenes, kreatives Agieren in der Gemeinschaft machen. |
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