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 egenda
aurea... die "Goldene Legende", das klingt wahrhaft imposant. Nach etwas
Besonderem, Prächtigem und Einzigartigem. Und genau dies ist der Fall. Denn es geht hier
um ein Werk, das sich ihren Namen quasi selbst gegeben hat und dessen Autor immerhin
heilig gesprochen wurde. Es heißt sogar, dass ohne ihr Studium das Mittelalter nicht
verstanden werden könne. Bei dieser "Legenda aurea" handelt es sich, auch wenn
der Titel darauf hindeutet, diesmal um kein Produkt des Einfallsreichtums der LEGENDE, sondern tatsächlich um eines der bedeutsamsten Werke
mittelalterlicher Literatur. Selbst wenn manche munkeln, dass Mitglieder der LEGENDE darin vorkommen sollten. Nun, vielleicht gibt es ja
einmal eine Neuauflage? :-)
edoch
zurück zur Geschichte: Die "Legenda aurea" ist ein nahezu so umfangreiches Werk
wie die Bibel und stellt eine ausführliche Weiterentwicklung der biblischen Grundgedanken
in den Gebieten der Angelologie, Kosmologie, Menschenlehre, Christologie, Probleme des
Bösen und dergleichen mehr dar. Eines der Hauptthemen der "Legenda" sind die
Lebens- und Todesgeschichten der Heiligen. Anhand der heute noch vorhandenen großen
Anzahl von Abschriften (um die 900 Exemplare überlebten die Jahrhunderte) mag man die
Wirkung der "Legenda" (im englischsprachigen Raum auch als "Golden
Legend" bekannt) abschätzen. Im ganzen Mittelalter wurde außer der Bibel kein
anderes Buch so oft abgeschrieben und übersetzt. Zwischen 1470 und 1530 war es das
meistgedruckte Buch Europas. Es wurde bis ins Spätmittelalter in alle abendländischen
Sprachen übersetzt und dabei von anfänglich 182 auf ganze 448 Kapitel erweitert. Schon
zu Lebzeiten des Autors gab es wohl etwa einhundert Abschriften, was für damalige
Verhältnisse als sehr erstaunlich gelten darf.
ie
"Legenda" entstand bereits zwischen 1255 und 1279 als Sammlung von Legenden,
welche in einer wahren Fleißarbeit gesammelt und vor allem in eine Ordnung
gebracht wurden, die sich am neu erstellten liturgischen Kalender der Heiligengedenktage
orientierte. So ist zugleich ein Führer durch die liturgischen
Jahreszeiten und Gedenktage entstanden, der selbst wieder stark auf den Volksglauben
zurückgewirkt hat. Bemerkenswert ist, dass der Autor Jacobus de Voragine seinem
Legendar selbst einen ganz anderen Titel gab, nämlich "Legenda Sanctorum". Der
über die Maßen bedeutsam gewordene Titel "Legenda Aurea" stammt also
überhaupt nicht vom Autor, sondern von den Lesern selbst, welche der Meinung waren,
dass
es sein Gewicht in Gold wert sei.
acobus
de Voragine war Dominikaner, Erzbischof von Genua und späterer Heiliger, wurde geboren
zwischen 1228 und 1230 in Varazze und ist gestorben am 13. oder 14. Juli 1298 in Genua. Er
soll in Bologna und Paris studiert haben und ist wie Thomas von Aquin 1244 in den
Predigerorden eingetreten. Er besaß den Ruf eines hervorragenden Kanzelredners und wurde
1252 Professor der Theologie. Jacobus war Prediger seit 1260 in Genua und anderen
italienischen Städten, er lehrte in den Ordensschulen und unternahm auch weite Reisen als
Wanderprediger. In den Jahren zwischen 1267 und 1278 sowie 1281 und 1286 war er Provinzial
der Lombardei. 1286 sandte Papst Honorius IV. Jacobus nach Genua, damit er bei den inneren
Zwistigkeiten der Stadt versöhnend wirke. In Genua herrschte ständiger Parteikampf
zwischen Guelfen und Ghibbelinen (auch Rempini und Mascarati genannt) und es gelang ihm
tatsächlich, trotzdem zumindest eine gewisse Zeit Frieden zu stiften. 1286 wurde Jacobus
in das Amt des Erzbischofs von Genua gewählt, welches er erst 1292 antrat, dann aber bis
zu seinem Tode ausfüllte. Er erreichte ein hohes Alter, was zu jenen Tagen ebenfalls als
nicht alltäglich bezeichnet werden konnte und starb schließlich als ungefähr
Siebzigjähriger.
ie
"Legenda aurea" machte seinen Autor über die Grenzen hinaus bekannt und
beeinflußte auch sehr stark weitere Schriftsteller (z. B. Geoffrey Chauser, Gustave
Flaubert, Selma Lagerlöf und andere), aber auch die bildenden Künste (hier vor allem
Giotto) in Form von Statuen, Gemälden, Glasmalereien und vielem mehr. Der Wunsch von
Jacobus de Voragine war es stets gewesen, dem lebendigen Wort zu dienen und Vorbilder für
gelebtes Christentum zu vermitteln, wobei er sich allerdings oft auch etwas vom Boden der
Realität entfernte. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass in diesem als ach so
finster verschrienen Mittelalter sich der Autor bereits bemühte, die ihm überlieferten
Legenden treu wiederzugeben, zugleich aber sich nicht scheute, auch deutliche Anmerkungen
zu Geschichten zu machen, die ihm selbst als unglaubwürdig erschienen. Vernunftgebrauch
und gleichzeitig vertrauensvoller und handfest, fast respektloser Umgang mit Heiligen im
Alltag scheinen also doch schon weit vor der Aufklärung und gerade sogar auch innerhalb
der Kirche machbar gewesen zu sein. Der Kult um den Autor der "Legenda"
begann wohl bereits kurz nach seinem Tode und wurde 1816 mit der Heiligsprechung durch
Papst Pius VII. anerkannt und bestätigt.
ußer
der Standardausgabe in Latein ist die "Legenda aurea" aufgrund ihrer großen
Bedeutung auch heute noch in vielen Sprachen in verschiedenen Versionen erhältlich. Hier
zwei Auszüge aus verschiedenen Passagen des Werkes für alle, die sich für diese
unbekümmert-kraftvolle Frömmigkeit interessieren. Zuerst "Christophorus auf der
Suche nach dem mächtigsten König" in Latein und anschließend folget "Von der
Geburt der seligen Jungfrau Maria" in deutsch:
| Christophorus
auf der Suche nach dem mächtigsten König 1.
Christophorus, cum per quandam solitudinem iret, vidit magnam multitudinem militum
concurrere. 2. E quibus miles quidam ferus terribilisque veniebat ad eum et, quo iret,
interrogavit. 3. Cui Christophorus respondit: "Quaero diabolum, ut ipsum dominum mihi
sumam." 4. Cui ille: "Ego sum ille, quem quaeris." 5. Qua re gavisus
Christophorus se ei in servitium perpetuum obligavit. 6. Cum in quadam via communi crucem
erectam invenissent, diabolus cruce perspecta territus fugit et viam deserens
Christophorum per asperam solitudinem duxit, e qua ipsum paulo post ad viam reduxit. 7.
Christophorus miratus interrogavit illum, cur tanto timore affectus viam planam
reliquisset et per tam asperam solitudinem isset. 8. Quod cum ille ei nequaquam indicare
vellet, Christophorus dixit: "Nisi mihi hoc indicaveris, statim a te discedam."
9. Qua re compulsus diabolus respondit ei: "Homo quidam, qui dicitur Christus, in
cruce fixus est; cuius crucis signum ubi vidi, plurimum pertimesco et territus
fugio." 10. Cui Christophorus: "Ergo" inquit "ille Christus maior et
potentior te est, cuius signum adeo metuis, ut salutem fuga petere velis. 11. Frustra
igitur laboravi nec adhuc maximum mundi principem inveni. 12. Iam nunc valeas, quia te
volo deserere et ipsum Christum inquirere." |
Von der Geburt der seligen Jungfrau Maria
"Ein Weib war ihres Mannes beraubt und hatte nur noch einen
einigen Sohn, den liebte sie von ganzem Herzen. Es geschah, dass der Sohn von den Feinden
gefangen ward und im Gefängnis gehalten. Als sie das vernahm, war sie gar untröstlich;
und bat die heilige Jungfrau, der sie gar ergeben war, mit großem Fleiß,
dass sie ihren
Sohn möchte erledigen [=befreien]. Als sie sah, dass dies nicht verfing, ging sie zuletzt
allein in die Kirche, darin ein Bild unserer Frauen geschnitzt war, trat vor das Bild und
sprach zu ihm 'Selige Jungfrau, ich habe dich oftmals um die Befreiung meines Sohnes
gebeten, und du hast dich weder des Sohnes erbarmt noch der armen Mutter. Ich habe dich um
Hilfe gebeten für meinen Sohn, und es hat nichts gefruchtet. So will ich dann dir dein
Kind nehmen, als mir das meine ist geraubt worden, und will es in Gewahrsam nehmen als
eine Geisel für meinen Sohn'. Mit diesen Worten ging sie hin und nahm dem Bilde das Kind,
das es auf dem Schoße hatte, und trug es heim. Sie wickelte es in ein rein Linnen und tat
es in eine Lade, die schloss sie mit einem Schlüssel sorgfältiglich zu. Und war in
großen Freuden, dass sie eine Geisel für ihren Sohn hatte gefunden, und hütete des
Pfandes gar sorgsam.
Und siehe, in der Nacht danach erschien die heilige Jungfrau dem
Sohne, öffnete ihm des Kerkers Tür und gebot ihm herauszugehen und sprach zu ihm 'Sag
deiner Mutter, Sohn, dass sie mir meinen Sohn wieder gebe, gleichwie ich ihr ihren habe
wieder gegeben'. Also ging der Jüngling aus dem Kerker und kam zu seiner Mutter und sagte
ihr, wie er von unsrer Frauen erlöset wäre. Da war die Mutter über die Maßen froh und
nahm das Bild des Kindes und trug es zur Kirche, und gab es Marien wieder in den Schoß
und sprach 'Herrin, ich danke euch, dass ihr mir meinen Sohn habe wiedergeben; sehet, hier
habt ihr euer Kind wieder, da ich nun meines wieder habe gewonnen'." |
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