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Begriff Tinte denkt man unweigerlich an kleine Gefäße mit dunkelblauer Flüssigkeit.
Blau war aber zu mittelalterlichen Zeiten keineswegs die übliche Tintenfarbe, auch wenn
der Färbstoff Waid in großer Menge angebaut wurde. Man benutzte jedoch die sogenannte
Dornentinte, die wer mag, sich ein jeder gerne selbst nachbilden kann. Die Auflösung der
für uns heute etwas seltsam anmutenden Angabe "Dornen für Tinte" gibt Rezept
37 des I. Buches des Traktats De diversis artibus - Von den verschiedenen Künsten",
der um 1100 von einem Mönch Theophilus verfaßt wurde. Danach sind Dornen das
Ausgangsmaterial für eine Tinte.
an
soll - um die weitschweifig in lateinischer Sprache angelegte Anweisung in Kürze
wiederzugeben - Dornenzweige von Schlehen im April oder Mai kurz vor dem Ausschlagen
schneiden und ein paar Tage liegen lassen. Dann wird die Rinde abgeklopft, mit Wasser
angesetzt und wiederum drei Tage stehengelassen. Nun muß das inzwischen rotbraun
verfärbte Wasser abgegossen, aufgekocht und mit der Rinde versetzt werden. Dieser Vorgang
soll einige Male wiederholt werden, bis die Rinde völlig ausgelaugt" ist. Zum
Schluß wird die Brühe mit Wein eingekocht und in einem Pergamentsäckchen an der Sonne
getrocknet.
ill man mit der Tinte schreiben, muß sie in Wein aufgelöst werden.
Farbnuancierungen können erreicht werden durch Eintauchen von einem glühenden Stückchen
Eisen oder durch Hinzugabe von "Atramentum" (Kerzenruß oder Kupfervitriol). Auf
dem Festland herrschte seit dem 7. Jahrhundert die aus Weißdorn und Schlehenzweigen mit
Zusatz von Wein bereitete braune Tinte vor, in italienischen Handschriften graue und
gelbliche Töne, dagegen in irischen, bretonischen und angelsächsischen Schriften
schwarze oder schwarzbraune. Die Tinte konnte mit Ruß, Sepia, Galläpfeln oder
Eisenvitriol vermengt werden. Heinz Roosen-Runge wies die vielfältige Anwendung dieser
transparenten, lackartigen, licht- und wasserbeständigen Tinte unter anderem im
karolingischen Utrecht-Psalter nach. Das Tintenfaß ist übrigens erst seit dem 15.
Jahrhundert belegt, davor gehörten zur Ausrüstung eines Schreibpultes noch
Tintenhörner; meist eines für Schwarz und eines für Rot.
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