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von Michael Frohnhöfer
Die Charaktere Der König
(Reisender läuft quer durch die Zuschauer und wird von zwei Wachen noch vor der Bühne aufgehalten.) Wache 1: Endlich, da kommt einer. Laßt mich mal machen! Wache 2: Nein, nein, Ihr macht doch
immer die falschen Sachen! Wache 1: So jung und schon so
voller Ehrgeiz Reisender: Seid mir gegrüßt! Wache 2: Halt! Erst Euren Namen ihr mir
sagen müßt Reisender: Ach wisset, einen Namen hab ich nimmermehr, Wache 1: Oh, am End da sind wir wohl
noch lange nicht, Wache 2: Nein, nein! - Ihr könnt hier
nicht durchgeh´n, Wache 1: (süffisant) Obwohl Ihr hättet eine Wahl... Wache 2: (überrascht) Oh, hat er, wie denn das? Wache 1: Er sucht doch Arbeit ohne
Unterlaß. Wache 2: Jetzt wo Ihr´s sagt, das wär
ein Fest! Wache 1: So kommt gleich mit, nach
Arbeit Hungernder, na, Reisender: Aber, laßt mich Euch erklären... (alle drei vor der Bühne links ab.) (kurze Pause)
(Auftritt nacheinander: König, Königsschwester, dann die Wache 2, die den offensichtlich sehr schnell und provisorisch umgekleideten Reisenden in der Gewandung eines Narren fest am Arm haltend hereinführt und ihn sich mittels herrischer Gesten neben den Thron setzen heißt!) König: (in
Gedanken zur Schwester) ...ja, und dann habe ich zu ihm gesagt: Schwester: Ihr seid zu gnädig, wirklich, Bruderherz, Wache 2: Nein, Majestät, hat in der
Burg hier rumgelungert. König: Nun,
gut, dann soll er zeigen, was er kann, (König setzt sich auf Thron, seine Schwester tritt den Reisenden auf die andere Seite und stellt sich rechts neben den Thron.) (Der Ratsherr tritt auf in Magierrobe.) Ratsherr: Oh, bin ich fast zu spät,
entschuldigt, König: Heißt das, ihr habt wieder rumgestunken? Ratsherr: Äh, sehr wohl mein König, nun zur Klage, die hier heut´ mittag stellt die Frage an diese junge Mühlerin... (Junge Mühlerin wird von Wache 2 gefesselt hereingeführt, Wache 2 hält Tonbecher in anderer Hand) ...ob sie noch ganz bei Sinn, wurde sie doch auf frischer Tat ertappt, als jemand ihr fünf ganze Silberling´ berappt, und nicht für gutes gebrautes Bier, nein, diesen überaus giftigen Trank hier. (weist auf den Becher, den die Wache in der Hand hält, Wache schaut ganz unsicher hinein und hält den Becher vom Körper weg.) König: Was muß ich hören, Weib, sprich! Mühlerin: Oh hoher Herr, es ist kein Gift an sich, es ist ein Liebestrank und zwar ein starker, und das Geld ist zwar Lohn, aber karger, denn die Zutaten sind teuer gemacht war doch nur für ein alt Ehepaar gedacht, wisst Ihr, auf daß die Liebe neu entflammt... Schwester: Oh, wie traurig, haben wir Euch alle verkannt? - Ich muß noch in den Garten, Bruder, mach´s kurz mit diesem Luder! (Wache stellt angewidert den Trank auf eine nahestehende Truhe und vergißt ihn dort.) Ratsherr: Mein König, das muß sie das Leben kosten, Am Osttor steht ein neuer Pfosten. Ich rate Euch, die Hexe zu pfählen, es soll sie viele Stunden lang quälen, daß sie wollt vergiften arme alte Untertanen. König: Ihr überrascht mich heut mit Euerm Planen, Seid wann verteidigt ihr die armen Alten, Sollt ich das für witzig halten? Reisender: Ihr könnt das nicht tun, es ist nicht richtig! Es ist die gute Absicht, die zählt, das ist doch wichtig! (Alles hält inne, starrt den Reisenden an, schüttelt dann den Kopf) König: Wo bleibt der Witz hier, sprich, war das Euer Stichwort? - Fürchterlich! Ich denk, Ihr müßt noch trefflich üben, haltet Euch zurück mit solchen Schüben und seid mal richtig lustig, Mann, schaut Euch diesen traurigen Narren an! Ratsherr: Mein Herrscher, wie verfahr´n wir nun? Mühlerin: Ich bitt Euch, Herr, laßt Gnade walten, ein Blitz hat den Mühlstein mir gespalten, das Geld wollt´ ich dafür verwenden, allein und ohne Hilf´ die Arbeit zu beenden! König: Ich würd´ ja gerne irgendwas tun, nur muß ich´s noch reiflich überlegen, denn es fällt ihr Besitz als warmer Regen in die Hände meines Feindes, dem Abt. Ratsherr: Hm, womit ihr wirklich völlig recht habt. König: Tja, bin eben ein wahrer Salomon, los bringt sie in den Kerker schon, ich werd´ das Urteil heute abend verkünden, muß erst die alten Urkunden neu begründen. Schwester: Pah, warum so lange warten, Bruderherz, ich bin im Garten. (und ab) (Alle raus, nur Reisende versteckt sich hinter dem Thron, Saal wird abgeschlossen, kurze Pause, Reisende kommt hervor, spricht zu sich selbst und dem Publikum) Reisender: Oh, das kommt mich noch teuer zu stehen. Was muß ich auch gerade hier lang gehen, zog sonst so schön von Ort zu Ort, studierte das Leben fort und fort, gewann gar wesentliche Einsichten, hielt mich stets fern von Gerichten folgte meiner Neugier auf allen Fährten und vermied es erfolgreich, gerichtet zu werden. Nun steh ich hier, ich armer Tropf, und weiß nicht zu zieh´n aus der Schlinge den Kopf. (setzt sich gedankenversunken auf den Thron) Ich sitze hier auf dem Thron der Welt, hab immer noch zum Trinken kein Geld, Hunger hab ich auch schon wieder, was bin ich doch für ein toller Krieger... (steht auf und nimmt sich gedankenverloren den Becher von der Truhe und gestikuliert damit herum, immer wieder fast ansetzend) Mich an den Haaren selbst aus dem Sumpf zu ziehen, hieße ganz einfach zu entfliehen. Wäre nicht das erste Mal, daß ich mich heimlich von hinnen stahl. Doch die Augen der Mühlerin, geh´n mir nicht mehr aus dem Sinn. Sollt ich mich nun auch noch in sie verlieben? Da wär ich wirklich besser zuhaus geblieben! Schlimmer kann ich´s kaum noch finden, ich kann mich auch gleich selbst ans Osttor binden. Doch, wie kann ich die Mühlerin retten? Ich müßt das Schicksal neu verketten, ach, es muß mir einfach gelingen, hier ein Wunder zu vollbringen. (Setzt den Trank an, will trinken, als plötzlich der Ratsherr und die Schwester des Königs eintreten. Der Reisende versteckt sich wieder hinter dem Thron.) Schwester: Seid leise! Habt Ihr wieder zugeschlossen? Ratsherr: Macht Ihr mich nicht auch noch verdrossen. Mir reicht schon die Gerichtsverzögerung, was bin ich aber auch so dumm und denk´ nicht an die alten Unterlagen, die bei Tod den Besitz an den Abt übertragen. Schwester: Seid still und haltet Euch verwahrt, Euer Ärger macht Euch ganz vernarrt. Bewahrt nur Ruhe, alles läuft, gebt mir das Todesgift, gehäuft, ich will´s nun tun in diesen Becher. (läßt sich Pulver geben, das sie vorsichtig in einen mitgebrachten Becher schüttet. Dieser gleicht dem Becher mit dem Liebestrank aufs Haar.) Ratsherr: Zum Glück ist unser Freund ein Zecher Und kann solch gutem Trank nicht wiedersteh´n, doch muß ich bald vor Spannung vergehen, könnt´ er es doch noch merken beim Schmecken... Schwester: Hört zu! Mit mir etwas auszuhecken, heißt, daß weibliche List wird miteinfließen, ich lies ihn heut morgen zu heiße Milch genießen, so hat er sich die Zunge verbrannt, und schon wird das Todesgift nicht erkannt! (sie stellt den Becher kurz auf dem Thron ab, beide stehen seitlich vom Thron) Ratsherr: Oh, ihr seid göttlich in Eurer Niedertracht, wenn Ihr erst habt mit mir die Nacht verbracht... Schwester: Hütet Euch vor diesen Tagträumen, Ihr werdet doch wohl nicht überschäumen? (Der Reisende tauscht gut sichtbar die Becher aus, während der Ratsherr nach der Königsschwester grabscht, sie aber verfehlt, da sie ausweicht.) Jetzt, so kurz vor dem Ziel bleibt kalt die Zeit kommt, da Ihr kommen sollt bald! Zuerst gilt´s unseren Plan auszuführen Und keine Gelüste zu verspüren. Die Mühlerin ist´s dann natürlich gewesen, sie wird gemütlich am Pfahl verwesen. Ratsherr: Wann werdet Ihr ihm den Trank nun geben? Schwester: Hah! Ein König soll auf dem Thron ableben! (beide ab) (Reisender kommt hervor. Kurze Pause) (König, Wache 1, Ratsherr und die Schwester des Königs kommen herein. Dazu zwei Musikantinnen und eine Menge Tänzer und Tänzerinnen, die sich sofort aufstellen. Unbemerkt kommt der Reisende wieder hinter dem Thron heraus, bis er wieder links am Thron sitzt.) König: Was geht hier vor? Schwester: Oh, Bruderherz, seid doch kein Tor! Das sind die Bauern unten aus dem einen Weiler, drüben, wo Ihr neulich erlegt habt den Keiler. Soll eine Überraschung sein und Euch zu Ehren, wollt Ihr uns und ihnen diesen Spaß verwehren? König: Wir halten gleich Gericht hier ab, Weib, haltet mir bloß diese stinkenden Bauern vom Leib. (Wache bringt die gefesselte Mühlerin herein, die angewiesen wird sich seitlich hinzuknien.) -Gut, ich laß es zu, doch nur ausnahmsweise, lieb keine Überraschungen, weder laut noch leise. (Ratsherr und Königs sehen sich bedeutsam an. Einer der Bauern tritt vor.) Bauer: Hoher Herr, hier dies zu Euren Ehren, auf daß sich Euer Wohlbefinden möge mehren, (hält ihm einen Becher hin) ein Schluck Eures Lieblingsrebensaftes, wir hoffen, Euch zu besänftigen schafft es. Wir wollen Euch nur ein Tänzlein zeigen, Euch zu Ehren ein kleiner Reigen. König: Hm! Guter Wein? Her damit, los, beginnet! Daß mir nicht noch mehr kostbare Zeit verrinnet! (Tänzer tanzen zur Musik, während irgendwann der grimmig zusehende König einen tiefen Schluck unter den großen beobachteten Augen des Ratsherr und des Könignigs Schwester tut. Sodenn hellt sich seine Mine plötzlich auf und er starrt die Tänzer lächelnd an...) König: Ihr seid fantastisch! Solche Anmut, solche Kunst! Schwester: (zum Ratsherr) Ihr habt´s verhunzt! König: So schöne Menschen habe ich noch nie gesehen, so liebliche Bewegungen, wie kann das geschehen? Schwester: (zum Ratsherr) Das kann nicht sein, solche Schande, Ich breche ab mir Euch alle Bande. Ihr könnt in Eurem Bette bleiben, alleine, wie es Euch gefällt und die Alchimie betreiben, bis Euch der Knortz verwelkt! Ratsherr: Ich versteh´ es nicht, der falsche Becher? König: (überschwenglich zu den Tänzern und Tänzerinnen) Ach, ich liebe Euch alle! Kommt mit in mein Gemach, heraus aus dieser Halle, Ich würde gerne mit Euch allen... Ratsherr: Ja, bin ich denn hier unter Schafen? Was tut Ihr jetzt, wollt Ihr geh´n? Soetwas kann ich nicht versteh´n! Bleibt hier und sterbt, wie´s sein soll! (greift hinausgehenden König mit seinem Stab hinterrücks an. Mühlerin springt auf und wirft sich dazwischen, fällt getroffen zu Boden.) Wache 1: Laßt ab hiervon! Seid Ihr toll? (Wache springt dazwischen und es gibt einen kurzen Schwert- und Stabkampf. Währenddessen schleicht der Reisende zur Mühlerin, schleift sie aus der Kampfzone und flößt ihr am Rad des Bühne aus dem am Gürtel hängenden Trinkhorn einige Schluck ein. In einer kurzen Kampfpause, als beide Kämpfer Atem holen, beginnt kurzer Monolog des Reisenden.) Reisender: (achselzuckend zum Publikum, schmunzelnder Tonfall der Entschuldigung) Ich kann´s nicht hindern, nein, muß tun, was mein Schicksal mag sein. Wenn ich schon am Rad gedreht, daß alles durcheinanderweht, dann will ich wenigstens für mich, den kleinen Vorteil fürcht´ ich nich´ das Herz der tapferen Mühlerin erringen, die ich allhier von allen Dingen wahrhaft am meisten wohl begehre, so sehr, daß ich mich nach ihr verzehre und deren Augen nun geschlossen, als wär sie schon gen Himmel geschossen, ah, nein, das Herz pocht schnell und stark, gewiß ist´s nur die Liebe, die solches vermag! (Mühlerin öffnet die Augen und sieht direkt über sich den Reisenden. Sie küssen sich, während der Kampf endet, als der Ratsherr letztlich getötet wird.) König: Was geht hier vor? Reisender: Sehr wohl, Herr, das will ich Euch kund tun: (holt den Giftbecher hinter dem Thron hervor.) Eure teure Schwester und Euer Ratsherr wollten nicht ruh´n, bis dieses Gift Euch selbst den Gar ausmacht. Ich denk, die Totenmesse heut´ nacht... (Die Schwester des Königs schnappt ihm den Becher aus der Hand.) Schwester: Lieber verlasse ich auf diesem Weg den Saal, als zu enden auf dem Pfahl! (Trinkt den Giftbecher auf einen Zug aus!) König: Was soll ich denn nun machen? (Tänzer ziehen sich einer nach dem anderen zurück vom Bühnenrand nach draußen und laufen weg.) Reisender: Diese tapfere Mühlerin befreit von den Wachen, entlasst sie aus den Kerkerräumen, laßt sie frei, und sägt diesen Pfahl am Osttor ab, das ist Barbarei! König: Gut, so soll es gescheh´n! Und dann werd´ ich seh´n, was an Land und Gold, mein Sohn, ich kann entbehren Euch als Lohn. Mein eig´nes Leben wird sich nun ganz anders gestalten, ich werde mein Land nun völlig anders verwalten, mein Herz wird offenstehen für die Wünsche der Bauern, sie brauchen nicht mehr vor mir auf dem Boden zu kauern. -Oh, Schreck! Wo sind die Tänzer entfleuchet hin? Ich wahrlich von Ihnen bezaubert bin! (König eilt mit Wachen den Bauern nach. Zurück bleiben der Reisende im Narrengewand, der sich nun frech auf den Thron setzt, während sich die Mühlerin dekorativ zu seinen Füßen drapiert, ihn anhimmelnd.) Reisender: So hab´ ich nun gesehen, was alles kann geschehen, wie ein Mühlstein den König erettet, dabei zweie vom Hofstaat plättet und die wandelnde Alchimie dieser Lande, völlig Fremde vereint durch magische Bande. Ich glaube, hier bleibe ich länger! (springt auf, schnappt seine Braut an der Hand, beide ab.)
ENDE
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